Ich erinnere mich noch genau an meinen ersten Morgen an den Königsgräbern: 7:45 Uhr, die Sonne stand noch tief über dem Mittelmeer, der Wind roch nach Salz und trockenem Kalkstein. Vor mir öffnete sich ein Grab, dessen Eingang in den Fels gehauen war wie ein dorischer Tempel – und ich war völlig allein. Keine Reisegruppe, kein Audioguide-Gemurmel. Nur ich, die Zikaden und 2.300 Jahre Geschichte. Genau das macht die Königsgräber Paphos so außergewöhnlich: Sie liegen nicht hinter Museumsglas, sondern unter freiem Himmel, direkt an der Küste der Halbinsel Akamas, und man kann buchstäblich in sie hineinsteigen.
Was sind die Königsgräber überhaupt – und warum heißen sie so?
Der Name täuscht. In den sogenannten Tombs of the Kings wurden keine Könige bestattet. Die Bezeichnung stammt aus der osmanischen Zeit, als die Einheimischen die monumentalen Grabkammern für so imposant hielten, dass sie nur royalen Ursprungs sein konnten. Tatsächlich handelt es sich um die Nekropole der gehobenen Gesellschaft von Nea Paphos – Statthalter, Priester, hochrangige Beamte der ptolemäischen Verwaltung, die Zypern von 294 v. Chr. bis zur römischen Übernahme 58 v. Chr. regierten.
Die Anlage umfasst ein Gebiet von rund 13 Hektar nördlich der heutigen Küstenstraße B6, zwischen Kato Paphos und dem Strand von Coral Bay. Archäologen haben bislang über 100 Grabkammern dokumentiert, von denen acht als Hauptkomplexe (nummeriert 1 bis 8) für Besucher erschlossen sind. Die Grabarchitektur folgt einem Schema, das aus Ägypten und dem hellenistischen Mazedonien importiert wurde: Man stieg durch einen schmalen Dromos (Eingangskorridor) in einen offenen Innenhof hinab, der von dorischen oder ionischen Säulen umgeben war. Von dort führten niedrige Türen in die eigentlichen Grabkammern.
Das Bemerkenswerte: Die Handwerker, die diese Nekropole schufen, arbeiteten nicht mit Baumaterial, sondern mit dem, was bereits da war. Der weiche Kalkstein der Küste ließ sich mit einfachen Werkzeugen bearbeiten. Säulen, Gebälk, Friese – alles direkt aus dem Fels herausgehauen. Kein Transport, kein Mörtel.
UNESCO-Welterbe Zypern: Die Bedeutung der Ausgrabungen
Seit 1980 gehören die Königsgräber zum UNESCO-Welterbe Zypern, als Teil der archäologischen Stätten von Paphos. Das Komitee begründete die Aufnahme unter anderem damit, dass Paphos einen außergewöhnlichen Beleg für die Verflechtung von griechischer, ägyptischer und römischer Kultur im östlichen Mittelmeer darstellt.
Die systematischen Paphos Ausgrabungen begannen in den 1950er-Jahren unter dem zyprischen Department of Antiquities. Bis heute laufen Grabungskampagnen – zuletzt konzentrierten sich polnische und zyprische Teams auf den Bereich südwestlich von Grab 3, wo 2023 ein bislang unbekannter Seitentrakt mit Wandmalereien freigelegt wurde. Für Besucher bedeutet das: Manchmal sieht man aktive Grabungsbereiche, abgesperrt mit orangefarbenen Netzen. Das ist kein Zeichen von Vernachlässigung, sondern von lebendigem Wissenschaftsbetrieb.
„Diese Nekropole ist kein abgeschlossenes Kapitel. Sie ist ein laufendes Gespräch zwischen Vergangenheit und Gegenwart.
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